Ich dachte, Dialog’09 beschäftigt sich mit der Zukunft Europas. Und nun kommt ihr mit einer Themengruppe für IT-Nerds an. Was soll das?
In der Tat. Warum sollten wir uns hier mit einer Entwicklung befassen, die uns in vielerlei Hinsicht als Wiederholung der geplatzten Dotkom-Blase Ende der 90-er vorkommen mag? Die Antwort ist zunächst einmal ziemlich einfach: Dialog’09 ist ein Netzwerk und damit Teil dieser Entwicklung. Unsere Website ist ein Blog, unser Intranet ist ein Wiki und für unsere Vorstandssitzungen benutzen wir Skype. Ziemlich virtuell also. Social networking, wie das so schön heißt.
Und die Frage korrekt gestellt
Unsere Frage sollte also lauten: Welche Elemente dieser Bewegung kann und sollte Dialog’09 sinnvoll nutzen um unsere Ziele besser verfolgen zu können? Darüber hinaus: Was bietet das soziale Web den europäischen Bürgern und wie wird es die Demokratie verändern?
In der letzten Frage steckt bereits ein Hinweis, warum es für Dialog’09 wichtig ist, sich dem Thema zu widmen: Eines der Grundprinzipien von “Web 2.0″ sind Partizipation und Gemeinschaftserlebnis. Genau das also, was wir für Europa, für die europäische Demokratie erreichen wollen. Nun muss nur noch aufgezeigt werden, wie der Weg aus dem Virtuellen in die politische Realität aussehen könnte.
Was kann dieses ominöse Web 2.0 nun?
Ohne im Einzelnen definieren zu wollen, was wir unter “Web 2.0″ verstehen wollen, soll festgehalten werden, dass dieses Phänomen von der Zusammenarbeit zwischen den zahlreichen Nutzern einzelner Angebote liegt. Ein klassisches Beispiel ist Wikipedia, die offene online-Enzyklopädie. Je mehr Personen sich daran beteiligen, desto präziser und umfangreicher wird die Sammlung. Mutatis mutandis funktioniert das bei anderen Web 2.0-Angeboten sehr ähnlich. Der Mehrwert entsteht durch die Kooperation.
Damit ist noch nicht viel gesagt. Entscheidend sind die Offenheit und die demokratische Form dieses Zusammenwirkens. Die Gemeinschaft organisiert sich selbst und das meist mit sehr wenig, zum Teil ungeschriebenen Regeln. Denken wir etwa an das produktive Chaos der Blogosphäre. Mit ganz wenigen technischen Standards (Kommentare, Tagging, Trackbacks und Feeds) ist eine Fülle von Aktivitäten entstanden, deren Stärke in der Vernetzung liegt. So muss ich nicht jeden Tag das ganze Web nach neuen, verwertbaren Informationen durchsuchen, sondern ich kann mich darauf verlassen, das wesentliche Neuheiten sich früher oder später bis zu meinen Handvoll Lieblingsblogs rumgesprochen haben.
Was das Wesentliche ist, entscheidet – um Adam Smith zu paraphrasieren – die unsichtbare Hand der Gemeinschaft. Höchst demokratisch. Oder doch nur populistisch?
Informationstechnischer Paradigmenwechsel
Zugegeben, aus einer Welt von Konsumenten wird nicht von heute auf morgen ein Heer aufgeklärter, selbstbewusster Revolutionäre. Unsere Weltanschauung, unsere Interessen, unser Urteilsvermögen sind nach wie vor beeinflusst von Medien, Machthabern und gewaltigen PR-Maschinerien. Aber. Der gewaltige Unterschied ist, dass der Mensch im sozialen Web selbst aktiv werden muss, um ein Nutzen zu erzielen. Die Inhalte kommen nicht vorgeformt aus ganz wenigen Quellen mit Informationsmonopol. Ich kann und muss meine Informationsquellen mir selbst aussuchen. Und zwar aus einem Angebot, das eben nicht auf den Mainstream begrenzt sondern praktisch grenzenlos ist. Ich kann mich genau so gut für Oma Müllers Blog entscheiden wie für Spiegel Online. Selbst Satellitenempfang mit 50 Sendern vermag mir diese Auswahl nicht zu geben.
Durch die Suche nach geeigneten Informationsquellen bin ich schon aktiv, bevor ich eine Zeile selbst geschrieben oder einen Tag irgendwo vergeben hätte. Wer mitmacht, befindet sich also bereits auf dem Weg eines informationstechnischen Paradigmenwechsels sondergleichen: Weg vom passiven Nachrichtenkonsumenten zum aktiven Netzbürger.
Von der informativen zur politischen Revolution
Und genau diese Entwicklung möchte Dialog’09 auch im Bereich der europäischen Politik erreichen. Als Netzwerk sind wir eine offene Gemeinschaft, in der es jedem selbst überlassen bleibt, wieviel er in die Netzwerkarbeit investieren möchte, in welchem Bereich und zu welchem Maße er sich einbringen möchte. Dabei gilt die Regel: Der persönliche Gewinn – obschon diesen jeder Teilnehmer anders definieren mag – verhält sich proportional zum Einsatz. Egoismus und Altruismus fallen zusammen, im vollendeten Einklang.
Und genau so wie wir uns selbst organisieren, ist unsere Vision einer partizipativen Demokratie auf europäischer Ebene. Wir möchten niemanden verpflichten, sich mit Politik oder Europa zu beschäftigen. Zur Wahl zu gehen oder einen Brief an den Abgeordneten schreiben. Unterschriften zu sammeln. Das soll weiterhin jedem selbst überlassen bleiben. Aber wir möchten, dass die europäischen Bürger die Möglichkeit bekommen, immer dort, wo sie es für sinnvoll bzw. erstrebenswert erachten, sich einmischen zu können. Politik zu machen soll so einfach sein, wie einen Blogbeitrag zu kommentieren.
Vom Web lernen heißt siegen lernen?
Wie formen wir also den aktiven Netzbürger zum aktiven EU-Bürger? Der Rückgrat politischer Partizipation jenseits der klassischen repräsentativen Demokratie ist die organisierte Zivilgesellschaft. Und das größte Potential von Web 2.0 liegt in der Stärkung zivilgesellschaftlicher Akteure.
Der Mensch auf der Straße
ist eine Polit-Talk fiktion. Selbst die meisten Obdachlose sind in soziale Netze eingebunden, haben Interessen und entscheiden selbst, zugunsten welcher Themen sie ihre Aufmerksamkeit einsetzen. Der aktive Bürger
wird dort aktiv, wo er ohnehin schon auf der einen oder anderen Weise eingebunden ist, ob durch persönliche Bekanntschaften, Netzwerke oder Organisationen. Wenn wir also mit begrenzten Mitteln möglichst viele Menschen erreichen wollen, dann führt der effektivste Weg – achtung, Binsenweisheit! – über Multiplikatoren. Und die besten Multiplikatoren, mit deren Hilfe sich Menschen für eine Teilhabe an Entscheidungsprozessen der europäischen Politik begeistern lassen, finden sich in der organisierten Zivilgesellschaft.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt also darin, welche Wege wir finden können, mit den technologischen Mitteln des Web 2.0 die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen effektiver zu gestalten. Unser Vorteil ist, dass diese Organisationen i.d.R. nichts zu verbergen haben – im Gegenteil, je mehr Öffentlichkeit sie für alle Aspekte ihrer Arbeit finden, desto besser für sie. Daher braucht es sie sich auch – von Big Brother mal abgesehen – nicht groß zu kümmern, dass interne Abläufe transparent und einzelne Arbeitsschritte öffentlich werden. Daher können sie – anders als die Politik oder die Privatwirtschaft – in aller Seelenruhe ihre Arbeit “vergemeinschaften” und sie über offene Foren im Internet zu organisiern. Die Schwelle des Mitarbeitens wird damit erheblich gesenkt, was der jeweiligen Organisation nur recht sein kann.
Der Reiz des Konkreten
Um nicht den verdacht unreflektierter Euphorie oder Messianismus aufkommen zu lassen: Ich möchte hier nicht dafür plädieren, alle Aufmerksamkeit nur noch dem Netz zu widmen. Wir hocken ja so schon genug vorm Bildschirm. Aber überall dort, wo eine konkrete Maßnahme die Arbeit einer Organisation erleichtern und für alle potenzielle Interessenten öffnen kann, sollte sie ernsthaft in Erwägung gezogen werden.
Die Propheten von Web 2.0 versprechen vieles. Kollektive Arbeitsmethoden, neue Formen der Öffentlichkeit und alternative Fundraisingmethoden. Die Frage, die offen bleibt – und derer Klärung dieser Forum dienen soll – ist die Frage nach dem Konkreten. Was genau und wie können wir nutzen? Und die Frage nach dem Kreativen: Was können wir uns einfallen lassen, um mit den neuen technischen Möglichkeiten unsere Nachteile gegenüber den Reichen und Mächtigen ausgleichen?
Willkommen in der schönen neuen Welt. Willkommen zur Diskussion.
Dániel Fehér
Brüssel, 10. September 2006




Ich hab mir da was überlegt. Würde mich interessieren, was Ihr so davon haltet: http://www.politik-werkstatt.de/woki